Ist der Appell, "resilienter zu sein", ein Privileg oder eine Bürde? Und was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn wir Individuen auffordern, nach dem Scheitern stärker zurückzukommen, anstatt die Systeme zu verändern, die Scheitern erst erzeugen?
I. Einleitung
In einer Zeit zunehmender Komplexität, Unsicherheit und Volatilität gewinnt die Fähigkeit, mit Scheitern und Rückschlägen konstruktiv umzugehen, kontinuierlich an Bedeutung. Die Risiken des Anthropozäns – von Klimakatastrophen über Pandemien bis hin zu wirtschaftlichen Umbrüchen – stellen Individuen, Organisationen und gesellschaftliche Systeme vor beispiellose Herausforderungen (Folke et al., 2021). In diesem Kontext hat sich die Erforschung der Resilienz, der Fähigkeit, trotz widriger Umstände zu bestehen und zu wachsen, zu einem zentralen wissenschaftlichen Unterfangen entwickelt.
Die etablierte Resilienzforschung fokussiert dabei häufig auf individuelle Faktoren – persönliche Eigenschaften, kognitive Strategien und Bewältigungsmechanismen, die Menschen befähigen, Krisen zu überstehen und aus ihnen zu lernen (Southwick et al., 2014). Resilienz wird in dieser Tradition als personale Kompetenz konzeptualisiert, die durch Faktoren wie Optimismus, Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung gekennzeichnet ist (Fletcher und Sarkar, 2013). Diese individuumszentrierte Sichtweise hat zweifelsohne wichtige Erkenntnisse hervorgebracht und zur Entwicklung wertvoller Interventionsansätze beigetragen.
Dennoch offenbart sich bei genauerer Betrachtung ein bedeutsamer blinder Fleck: Die Überbetonung individueller Faktoren geht oft mit einer Vernachlässigung systemischer, struktureller und kontextueller Einflüsse einher. Wie Williams et al. (2022) betonen, werden "menschliche Faktoren, einschließlich psychologischer und emotionaler Aspekte" in der Resilienzforschung oft ignoriert oder unzureichend integriert, was zu "beeinträchtigter Entscheidungsfindung, verminderter Leistung und verlängerten Erholungszeiten" führen kann.
Der vorliegende Essay setzt an diesem blinden Fleck an und verfolgt das Ziel, eine integrative Perspektive auf Resilienz zu entwickeln, die individuelle und systemische Faktoren in ihrer Wechselwirkung betrachtet. Im Zentrum steht dabei die Frage: Wie entsteht Resilienz an der Schnittstelle von individuellen Kapazitäten und systemischen Rahmenbedingungen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser erweiterten Perspektive für Forschung und Praxis?
Um diese Fragen zu beantworten, wird zunächst die historische Entwicklung des Resilienzkonzepts nachgezeichnet, bevor methodologische Herausforderungen bei der Erfassung des Konstrukts diskutiert werden. Anschließend werden empirische Befunde zur Interaktion von Person und System vorgestellt und in ein dynamisches Resilienzmodell integriert. Eine kritische Diskussion der "dunklen Seite der Resilienz" leitet über zu Implikationen für Forschung und Praxis, bevor ein abschließendes Fazit gezogen wird.