Nach dem "Tod Gottes" – wie begründen wir Moral in einer Welt ohne transzendente Autoritäten?
1. Säkularisierung und ihre ethischen Implikationen
Die Säkularisierung, verstanden als Prozess der Trennung von Religion und Staat sowie der abnehmenden gesellschaftlichen Bedeutung religiöser Institutionen, hat tiefgreifende Auswirkungen auf die ethischen Grundlagen moderner Gesellschaften. Charles Taylor beschreibt in seinem Werk "A Secular Age" diesen Prozess als Übergang von einer Gesellschaft, in der der Glaube an Gott selbstverständlich war, zu einer, in der er eine Option unter vielen darstellt (Taylor, 2007). Diese Transformation hat zu einer Pluralisierung ethischer Orientierungen geführt und die Frage aufgeworfen, wie moralische Normen in einer post-traditionalen Gesellschaft begründet werden können.
Der Verlust traditioneller religiöser Normierungen hat ein normatives Vakuum hinterlassen, das verschiedene säkulare Ethikkonzeptionen zu füllen versuchen. Jürgen Habermas spricht von der "postsäkularen Gesellschaft", in der religiöse und säkulare Bürger einen neuen Modus des Zusammenlebens finden müssen (Habermas, 2001). Er argumentiert, dass säkulare Gesellschaften die motivationalen und sinnstiftenden Ressourcen religiöser Traditionen nicht einfach ignorieren können, sondern in einen "komplementären Lernprozess" mit ihnen eintreten sollten.
Die Herausforderungen einer post-religiösen Ethikbegründung sind vielfältig. Ohne Rekurs auf transzendente Autoritäten müssen moralische Normen auf andere Weise legitimiert werden. Immanuel Kant hat mit seiner Idee der Autonomie einen einflussreichen Ansatz entwickelt, der moralische Verpflichtungen aus der Vernunft selbst ableitet (Kant, 1785/1999). John Rawls hat mit seiner Theorie der Gerechtigkeit versucht, moralische Prinzipien durch ein hypothetisches Vertragsmodell zu begründen, das von religiösen Voraussetzungen unabhängig ist (Rawls, 1971). Beide Ansätze versuchen, universelle moralische Prinzipien auf säkularer Grundlage zu etablieren.
Die Pluralisierung ethischer Orientierungen stellt eine weitere Folge der Säkularisierung dar. In modernen Gesellschaften koexistieren verschiedene religiöse und säkulare Moralvorstellungen. Diese Pluralität kann als Bereicherung betrachtet werden, stellt aber auch eine Herausforderung für die gesellschaftliche Integration dar. John Rawls hat mit seinem Konzept des "übergreifenden Konsenses" (overlapping consensus) einen Ansatz entwickelt, der es ermöglichen soll, trotz unterschiedlicher umfassender Lehren zu gemeinsamen politischen Grundsätzen zu gelangen (Rawls, 1993).