Hinter dem Glas

Roman von Frank Geißler

Cover: Hinter dem Glas

Roman

Hinter dem Glas

Frank Geißler

Jedes Wort stimmt.

Bald erhältlich

Sieben Uhr abends, sechster Stock. Eine Mutter wählt die 112. Ihr Sohn ist acht. Er wacht nicht auf.

Das Kind war dem Jugendamt bekannt: eine ärztliche Meldung, ein Hausbesuch, ein ausgefüllter Bogen, ein Nachtermin in drei Wochen. Alles dokumentiert, alles fristgerecht.

Dreiunddreißig Kapitel, elf Blickwinkel: die Mutter, die Sachbearbeiterin, der Kinderarzt, die Polizistin, der Ermittler. Keiner von ihnen hat etwas falsch gemacht. In der Akte steht am Ende ein grünes Feld und daneben der Grund des Abschlusses: Tod des Kindes.


Leseprobe

Teil I – Der Abend · Kapitel 1

In der Wohnung ist es zu warm. Sie hat den ganzen Tag die Heizung laufen lassen, weil er gefroren hat, und jetzt steht die Luft, und es riecht nach dem Vicks, das sie ihm auf die Brust geschmiert hat, obwohl auf der Dose steht, erst ab zwei Jahren, aber er ist acht, das geht.

Der Waschlappen ist zu kalt, das merkt sie erst, als er auf seiner Stirn liegt. Unter dem Wasserhahn war er richtig, kühl, jetzt ist er kalt, und man legt einem Kind nichts Kaltes auf. Sie nimmt ihn wieder weg. Auf dem Nachttisch liegt der Fiebersaft, der Messbecher daneben, klebrig, sie hat ihn nicht abgewaschen. Neunzehn Uhr auf dem Radiowecker, die roten Ziffern, eine davon flackert seit Wochen, der obere Strich der Neun.

„Levi.“

Er antwortet nicht. Er hat seit dem Mittag nicht richtig geantwortet, nur so ein Geräusch gemacht, wenn sie ihn ansprach, ein Brummen aus dem Hals, und jetzt macht er auch das nicht mehr. Sein Gesicht ist heiß, sie hat es den ganzen Nachmittag gespürt, aber jetzt ist da noch was anderes, seine Lippen sind trocken und ein bisschen grau an den Rändern, und sie denkt, er muss trinken, er hat den ganzen Tag fast nichts getrunken.

Sie legt die Hand auf seine Brust. Da ist was, sie spürt was, ganz schnell und ganz flach, wie wenn ein Vogel in der Hand liegt. Oder sie bildet es sich ein. Die Heizung knackt. Draußen, sechs Stockwerke tiefer, fährt ein Auto über den nassen Asphalt, das Geräusch zieht vorbei und ist weg.

Weiterlesen …

Das Telefon liegt in der Küche, auf dem Tisch, zwischen der Post, die sie nicht aufgemacht hat. Sie geht in die Küche. Der Boden ist kalt unter den Socken, im Flur die eine Diele, die immer knarrt. Sie kommt mit dem Telefon zurück und weiß im Gehen nicht mehr, was sie in der Küche wollte, bis sie es in der Hand hat.

Sie wählt die Eins und die Eins und die Zwei. Der Bildschirm ist schmierig, ihr Daumen hinterlässt einen Abdruck. Es tutet. Es tutet noch mal. Es dauert, bis jemand rangeht, es dauert bestimmt gar nicht lange, aber es dauert, und in der Zeit hört sie nur ihren eigenen Atem und das leise Zischen der Heizung.

Eine Frau meldet sich, ruhig, ein bisschen müde. Die Frau fragt was, und Simone sagt die Adresse, Kolbenstraße vierzehn, sechster Stock, und die Frau fragt was anderes, und Simone versteht die Frage nicht gleich, weil sie Levi ansieht und nicht zuhört.

„Er wacht nicht auf“, sagt sie.

Die Frau sagt, sie solle ruhig bleiben. Sie ist ruhig. Sie weiß nicht, wie man ruhiger sein soll als jetzt, wo alles ganz langsam geht und ganz weit weg ist, als würde sie sich selbst von der Tür aus zusehen, wie sie da auf dem Bettrand sitzt, in dem T-Shirt, in dem sie auch geschlafen hat.

„Atmet er?“

Simone schaut auf die Brust. Sie hat vorhin gedacht, da ist was, dieser schnelle Vogelschlag. Jetzt schaut sie richtig hin und hält selbst die Luft an, damit sie es besser sieht, und die Heizung knackt und das Auto ist längst weg und im Zimmer ist es ganz still, und dann sieht sie es und wünscht, sie hätte nicht so genau hingeschaut.

Sie sagt es nicht. Sie kann es nicht sagen. Die Frau am Telefon fragt noch mal, ruhig, geduldig, und Simone hält den Hörer weg von ihrem Gesicht, den Arm ausgestreckt, als wäre das Telefon plötzlich schwer, weil sie nicht will, dass die Frau hört, was sie jetzt gleich für ein Geräusch macht.

Draußen fängt es richtig an zu regnen, sie hört es am Fenster, ein feines Prasseln gegen die Scheibe, und die Straßenlaterne unten wirft das Muster der Tropfen an die Zimmerdecke, wo es zittert. So ein Abend ist das.

Die Frau am Telefon ist noch da. Simone hört sie von weit weg, aus dem ausgestreckten Arm heraus, eine kleine Stimme, die ihren Namen nicht kennt und trotzdem redet. Sie zieht den Hörer wieder heran.

Die Frau sagt, ein Wagen sei unterwegs. Sie fragt, ob Simone die Haustür unten aufmachen kann, den Türöffner drücken, damit die Sanitäter reinkommen. Simone sagt ja. Sie steht auf und merkt, dass ihre Beine eingeschlafen sind, das Kribbeln, sie muss sich am Türrahmen festhalten.

Sie geht zur Wohnungstür und drückt auf den Summer neben der Klingel, lange, viel zu lange, als könnte sie damit etwas gutmachen. Dann lässt sie los. Sie soll bei ihm bleiben, hat die Frau gesagt, sie soll wieder zu ihm gehen und bei ihm bleiben und den Hörer nicht weglegen.

Sie geht zurück. Sie setzt sich wieder auf den Bettrand, an dieselbe Stelle, die Matratze ist da schon warm von ihr. Sie nimmt seine Hand. Die Hand ist noch warm, ganz normal warm, wie immer, und das ist das Schlimmste, dass die Hand sich anfühlt wie jeden Abend, wenn sie ihm die Decke richtet.

Unten im Treppenhaus, ganz tief, fällt die Haustür ins Schloss. Dann Schritte, schnell, mehrere, sie kommen die Treppe herauf, und mit den Schritten kommt etwas in die Wohnung, das größer ist als sie und das ihr Levi jetzt wegnehmen wird, um ihn zu retten, und sie weiß, dass es zu spät ist, und sie steht trotzdem auf und geht zur Tür, damit sie schneller bei ihm sind.


Das Buch

Hinter dem Glas

Roman · Frank Geißler

158 Seiten · BoD – Books on Demand · erscheint demnächst

33 Kapitel in vier Teilen

ISBN 978-3-696-70994-5

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