MODUL 1: Das Produktivitätsparadox – Rekordarbeitszeit bei sinkendem Output
55 Milliarden Arbeitsstunden. Ein deutscher Rekord. Noch nie haben Menschen in Deutschland so viel gearbeitet wie 2024. Gleichzeitig: Die Arbeitsproduktivität sinkt. 2023 um ein Prozent. 2024 stagniert sie. Das Paradox ist perfekt – mehr Arbeit, weniger Output pro Stunde.
"Die Deutschen sind faul geworden." Diese Diagnose kursiert in Talkshows, Wirtschaftsmagazinen und politischen Debatten. Sie klingt plausibel. Sie ist falsch.
Das Problem liegt nicht bei den Menschen. Es liegt in der Architektur der Systeme, in denen sie arbeiten. 325.000 Arbeitskräfte sind in den letzten drei Jahren eingestellt worden – nicht für Produktion, nicht für Innovation, sondern ausschließlich für Bürokratiebewältigung. Das entspricht der Einwohnerzahl von Wuppertal. Eine ganze Stadt arbeitet nur dafür, Formulare auszufüllen.
Deutschland braucht 1,8 Prozent Produktivitätswachstum pro Jahr. Nur so lässt sich der Wohlstand halten, den drei Jahrzehnte aufgebaut haben. Die aktuelle Rate: 0,3 Prozent. Das ist Faktor sechs zu wenig. Nicht weil Menschen weniger leisten wollen. Sondern weil die Rahmenbedingungen Leistung systematisch behindern.
Dieser Artikel zeigt drei Dinge: Erstens, wo genau die Produktivität sinkt und wer davon betroffen ist. Zweitens, warum "mehr arbeiten" keine Lösung ist – Deutschland arbeitet bereits am Limit. Drittens, warum das Problem nicht bei Individuen liegt, sondern in der Entkopplung von Systemen, die unterschiedliche Zeitlogiken verfolgen.
Die Frage ist nicht: Sind die Deutschen faul? Die Frage ist: Warum produziert ein hochentwickeltes Land systematisch Produktivitätshemmnisse – und warum gelingt es seit zwanzig Jahren nicht, sie aufzulösen?
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