I. Einleitung: Fromms prophetische Vision
Erich Fromms philosophisch-psychoanalytisches Hauptwerk "To Have or to Be?" (1976) erweist sich im 21. Jahrhundert als prophetische Analyse jener existenziellen Krise, die unsere Gegenwart zunehmend prägt. Was der humanistische Psychoanalytiker vor einem halben Jahrhundert als Alternative zur Katastrophe konzipierte - die Wahl zwischen einer besitzorientierten und einer erfahrungsorientierten Existenzweise -, hat angesichts der multiplen Krisen unserer Zeit eine Dringlichkeit erlangt, die Fromm selbst kaum antizipiert haben dürfte. Die Klimakrise, die Erschöpfung natürlicher Ressourcen, die wachsende soziale Ungleichheit und die psychischen Pathologien der Konsumgesellschaft machen seine fundamentale Kritik des Haben-Modus zu einer der relevantesten Gesellschaftsdiagnosen der Gegenwart.
Fromms zeitlose Kritik der Konsumgesellschaft basiert auf der anthropologischen Einsicht, dass die moderne Industriegesellschaft einen spezifischen Gesellschaftscharakter hervorgebracht hat, der menschliche Potentiale systematisch pervertiert und Individuen zu "Konsumautomaten" degradiert. Seine Unterscheidung zwischen Haben und Sein als fundamentalen Existenzmodi geht weit über eine moralische Kritik des Materialismus hinaus und entwickelt sich zu einer strukturellen Analyse der Selbstzerstörungstendenzen spätkapitalistischer Gesellschaften. Der Haben-Modus - charakterisiert durch die Identifikation mit Besitz, Konsum und sozialer Kontrolle - erzeugt nicht nur individuelle Entfremdung, sondern auch kollektive Selbstgefährdung durch die rücksichtslose Ausbeutung ökologischer und sozialer Ressourcen.
Die Aktualität von Fromms Analyse wird besonders evident angesichts der Konsumkrise und des Klimawandels des frühen 21. Jahrhunderts. Seine Warnung vor einer "pathogenen Gesellschaft", die ihre Mitglieder zur Überanpassung an destruktive Normen zwingt, findet ihre empirische Bestätigung in den eskalierenden Umweltproblemen, der epidemischen Zunahme psychischer Erkrankungen und der politischen Polarisierung postindustrieller Gesellschaften. Die Konsumideologie des Neoliberalismus - die Reduktion menschlicher Identität auf Kaufkraft und die Verwandlung aller Lebensbereiche in Märkte - hat jene "Marketing-Orientierung" zur gesellschaftlichen Norm erhoben, die Fromm bereits in den 1950er Jahren als pathologische Charakterstruktur identifizierte.
Nachhaltigkeit als zeitgenössisches Leitkonzept erweist sich aus Fromm'scher Perspektive als notwendige, aber unzureichende Antwort auf die ökologische Krise, solange sie nicht von einer fundamentalen Transformation der Existenzmodi begleitet wird. Technische Innovationen, Effizienzsteigerungen und "grüner" Konsum können die destruktiven Auswirkungen des Haben-Modus mildern, aber nicht überwinden, wenn sie innerhalb derselben psychologischen und sozialen Strukturen operieren, die die Krise ursprünglich erzeugten. Fromms Vision einer "neuen Gesellschaft" basiert dagegen auf der radikalen These, dass ökologische und soziale Nachhaltigkeit nur durch die Kultivierung des Sein-Modus - einer Existenzweise, die auf Erfahrung, Kreativität und authentischer Bezogenheit statt auf Akkumulation und Kontrolle basiert - erreichbar ist.
Die zentrale Forschungsfrage dieser Untersuchung lautet: Ist der Übergang vom Haben-Modus zum Sein-Modus unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts realistisch möglich, oder bleibt Fromms Vision eine utopische Projektion? Diese Frage gewinnt existenzielle Brisanz durch die zeitlichen Imperative der Klimakrise: Die "ökonomische Notwendigkeit menschlicher Veränderung", die Fromm bereits 1976 postulierte, ist durch die planetaren Grenzen (Rockström et al., 2009) zu einer objektiven Überlebensbedingung der menschlichen Zivilisation geworden. Die Dringlichkeit der Transformation kollidiert jedoch mit der Beharrungskraft der bestehenden ökonomischen und psychologischen Strukturen, die den Haben-Modus reproduzieren.
Methodisch verbindet diese Analyse Fromms gesellschaftspsychologischen Ansatz - die Synthese aus psychoanalytischer Charakterologie, marxistischer Gesellschaftskritik und humanistischer Anthropologie - mit empirischen Befunden zeitgenössischer Konsumforschung, Nachhaltigkeitsstudien und politischer Ökonomie. Fromms Konzept des Gesellschaftscharakters ermöglicht es, die Wechselwirkungen zwischen ökonomischen Strukturen und psychischen Dispositionen zu analysieren und dabei sowohl die Reproduktionsmechanismen des Haben-Modus als auch die Transformationspotentiale zum Sein-Modus zu identifizieren.
Die gesellschaftspsychologische Perspektive erweist sich als besonders fruchtbar für das Verständnis der Konsumkultur 2025: Während oberflächliche Kritiken den "Materialismus" als individuelle Schwäche moralisieren, zeigt Fromms Analyse, wie die Struktur kapitalistischer Produktionsweise systematisch jene Charakterorientierungen hervorbringt, die für ihre Reproduktion funktional sind. Der "Marketing-Charakter" - jene Persönlichkeitsstruktur, die sich selbst als Ware konzipiert und optimiert - ist nicht Ausdruck persönlicher Oberflächlichkeit, sondern rationale Anpassung an die Erfordernisse flexibler Arbeitsmärkte und digitaler Selbstvermarktung.
Fromms Kapitalismuskritik unterscheidet sich sowohl von marxistischen als auch von konservativen Ansätzen durch ihre anthropologische Fundierung: Sie kritisiert den Kapitalismus nicht primär wegen seiner ökonomischen Ineffizienz oder sozialen Ungerechtigkeit, sondern wegen seiner "menschenfeindlichen" Wirkung auf die psychische Struktur und die zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese humanistische Perspektive ermöglicht es, Alternativen zu entwickeln, die weder die Probleme des Staatskapitalismus reproduzieren noch in nostalgische Romantisierung vorindustrieller Gesellschaftsformen verfallen.
Die praktische Relevanz von Fromms Analyse zeigt sich in der wachsenden Zahl von Initiativen und Bewegungen, die - bewusst oder unbewusst - Elemente des Sein-Modus kultivieren: von der Postwachstumsbewegung über Gemeinwohl-Ökonomie bis zu Achtsamkeits- und Nachhaltigkeitspraktiken. Diese Phänomene lassen sich als "schwache Signale" einer beginnenden Transformation interpretieren, deren Erfolg jedoch davon abhängt, ob sie sich von individuellen Lebensstilexperimenten zu strukturellen Gesellschaftsveränderungen entwickeln können.
Fromms prophetische Vision einer Gesellschaft, die "produktive Orientierung" statt destruktive Akkumulation" kultiviert, bleibt damit nicht nostalgische Utopie, sondern wird zur praktischen Notwendigkeit für das Überleben der menschlichen Zivilisation. Die folgende Analyse wird zeigen, dass die Alternative "Haben oder Sein" im 21. Jahrhundert nicht mehr nur Frage individueller Selbstverwirklichung, sondern kollektive Überlebensstrategie geworden ist - mit allen Chancen und Widersprüchen, die eine solche historische Transformation mit sich bringt.