Citizen Science ist nicht nur billige Datenerhebung mit Freiwilligen, sondern ein Angriff auf die epistemische Monopolstellung der Expertengemeinschaft. Der Artikel zeigt, wie Bürgerwissenschaft die Grundkoordinaten wissenschaftlicher Autorität und Qualität neu verhandelt.
Citizen Science wird in der Forschungspraxis häufig als nützliches Werkzeug verstanden, um Datenerhebung zu skalieren und gesellschaftliche Gruppen für Wissenschaft zu interessieren. Der vorliegende Beitrag argumentiert dagegen, dass Bürgerwissenschaft als epistemologisches Paradigma gelesen werden kann, das grundlegende Vorstellungen über wissenschaftliche Rationalität, Expertise und Evidenzproduktion herausfordert. Im theoretischen Teil wird Citizen Science in wissenschaftstheoretische Debatten um Expertokratie, Mode‑2-Wissensproduktion und post-normale Wissenschaft eingeordnet. Klassische Epistemologie mit ihrer Konzentration auf disziplinär organisierte, expertendominierte Wissensproduktion wird kontrastiert mit Ansätzen, die verteilte Expertise, extended peer communities und heterogene Qualitätskriterien betonen. Auf dieser Grundlage entwickelt der Beitrag eine Taxonomie bürgerwissenschaftlicher Praxis – contributory, collaborative, co-created und community-basierte Projekte – und arbeitet heraus, wie diese Modelle unterschiedliche Konfigurationen epistemischer Autorität, Qualitätsregime und Wissensformen hervorbringen. Anhand von Fallstudien zu eBird, PatientsLikeMe und Safecast werden konkrete epistemische Praktiken, hybride Validierungsstrategien und Machtverschiebungen zwischen Experten, Laien und Institutionen analysiert. Die Diskussion zeigt, dass Citizen Science weder als bloßes Instrument noch als umfassende Alternative zur etablierten Wissenschaft begriffen werden sollte, sondern als experimentelles Feld, in dem neue Formen kollektiver Erkenntnis und epistemischer Gerechtigkeit erprobt werden. Der Artikel schließt mit einer Forschungsagenda, die interdisziplinäre Studien, designorientierte Experimente und eine stärkere theoretische Integration von Citizen Science mit Demokratietheorie und Wissenschaftsphilosophie vorschlägt.
1. Einleitung: Jenseits der Hilfswissenschaftler-Perspektive
Citizen Science ist in den letzten zwei Jahrzehnten in vielen Disziplinen von einer Randerscheinung zu einem sichtbaren Bestandteil wissenschaftlicher Praxis geworden. Großprojekte in der Biodiversitätsforschung, Astronomie, Umweltüberwachung oder Gesundheitsforschung zeigen, dass Bürgerinnen und Bürger in großem Umfang Daten erheben, klassifizieren und bereitstellen können (Haklay 2013; Bonney et al. 2016). Zugleich hat sich eine dominante Deutung etabliert, die Bürgerwissenschaft vor allem als effizientes Instrument zur Skalierung wissenschaftlicher Datenerhebung versteht – als kostengünstige Erweiterung der Reichweite etablierter Forschung. Diese „Hilfswissenschaftler-Perspektive“ reduziert Citizen Science auf eine arbeitsökonomische Ressource, während die epistemische Eigenlogik bürgerwissenschaftlicher Praxis weitgehend unsichtbar bleibt.
Der zentrale Gedanke dieses Artikels setzt genau hier an. Er vertritt die These, dass Citizen Science als epistemologisches Paradigma verstanden werden kann, das grundlegende Annahmen über die Produktion, Validierung und Legitimation wissenschaftlichen Wissens herausfordert. Bürgerwissenschaft stellt nicht nur zusätzliche Hände und Augen bereit, sondern bringt neue Formen der Problemdefinition, Hypothesenbildung, Datenerzeugung, Interpretation und Qualitätssicherung hervor (Irwin 1995; Elliott et al. 2023). Sie verschiebt die Grenzziehung zwischen Experten und Laien, erweitert die Zusammensetzung epistemischer Gemeinschaften und verändert, was in der Praxis als legitimes Wissen gilt. In diesem Sinne geht es nicht nur um „Wissenschaft mit mehr Leuten“, sondern um eine Re-Konfiguration wissenschaftlicher Erkenntnispraxis.
Vor diesem Hintergrund lautet die leitende Forschungsfrage des Beitrags: Inwiefern kann Citizen Science als epistemologisches Paradigma begriffen werden, das klassische Konzeptionen wissenschaftlicher Rationalität, Expertise und Evidenzproduktion systematisch irritiert und transformiert? Daraus ergeben sich mehrere Leitfragen. Erstens: Wie lässt sich Citizen Science in zentrale wissenschaftstheoretische Debatten zur Demokratisierung von Wissen, zur Kritik der Expertokratie und zur Transformation von Wissensregimen einordnen (Feyerabend 1975; Collins & Evans 2002; Nowotny et al. 2001)? Zweitens: Welche epistemologischen Unterschiede bestehen zwischen unterschiedlichen Formen bürgerwissenschaftlicher Praxis – von reiner Datenzulieferung über kollaborative bis hin zu ko-kreativen und community-initiierten Projekten (Shirk et al. 2012)? Drittens: Wie verändert Citizen Science die Verteilung epistemischer Autorität zwischen Experten, Laien und Institutionen, und welche Implikationen ergeben sich daraus für Fragen epistemischer Gerechtigkeit (Fricker 2007; Klenk et al. 2015)?
Die wissenschaftliche Relevanz dieser Fragestellung liegt darin, dass Citizen Science in vielen Disziplinen bislang primär unter methodischen und organisatorischen Gesichtspunkten diskutiert wird: Es geht um Datenqualität, Freiwilligenmanagement oder technische Plattformen (Dickinson et al. 2010; Wiggins & Crowston 2011). Epistemische Fragen – also die Frage, was für eine Art von Wissen in Citizen Science produziert wird, wie dieses Wissen bewertet wird und wie es in bestehende Wissensordnungen einfließt – werden zwar zunehmend thematisiert, aber selten systematisch in den Rahmen allgemeiner Wissenschaftstheorie eingebettet (Elliott & Rosenberg 2019; Elliott et al. 2023). Der Beitrag will diese Lücke schließen, indem er Citizen Science mit Konzepten wie „Mode‑2-Wissensproduktion“ (Gibbons et al. 1994) und „post-normaler Wissenschaft“ (Funtowicz & Ravetz 1993) verschränkt und damit als paradigmatische Ausprägung breiterer Verschiebungen im Wissenschaftssystem interpretiert.
Praktisch gewinnt die Diskussion vor dem Hintergrund von Vertrauenskrisen, Politisierung von Expertise und Streit um evidenzbasierte Politikgestaltung an Brisanz (Oreskes 2019; Renn 2018). In gesellschaftlichen Konfliktfeldern wie Klimawandel, Umweltgerechtigkeit, Gesundheitsrisiken oder Digitalisierung werden zunehmend Fragen aufgeworfen, wer als legitimer Wissensproduzent gelten kann und wie wissenschaftliche Aussagen politisch zu bewerten sind. Citizen Science interveniert hier, indem sie Laienwissen, lokales und indigenes Wissen sowie Erfahrungswissen in wissenschaftliche Arenen einbringt und so etablierte Hierarchien irritiert (Irwin 1995; Wynne 1996). Ob daraus eine Demokratisierung von Wissen oder eine Fragmentierung epistemischer Autorität resultiert, ist empirisch und normativ offen und bildet einen wesentlichen Hintergrund dieser Untersuchung.
Die Struktur des Artikels folgt einer doppelten Logik: der Rekonstruktion und der Zuspitzung. Kapitel 2 verortet Citizen Science wissenschaftstheoretisch, indem es klassische Epistemologie und Expertentheorien skizziert, deren Kritik in Science and Technology Studies und demokratischer Wissenschaftstheorie diskutiert sowie die Konzepte der Mode‑2-Wissensproduktion (Gibbons et al. 1994; Nowotny et al. 2001) und der post-normalen Wissenschaft (Funtowicz & Ravetz 1993) als zentrale Bezugspunkte einführt. Kapitel 3 entfaltet eine Taxonomie bürgerwissenschaftlicher Praxis – von contributory über collaborative bis hin zu co-created und community-basierten Projekten – und arbeitet deren jeweilige epistemologische Implikationen heraus (Shirk et al. 2012). Kapitel 4 analysiert die Neuverhandlung epistemischer Autorität zwischen Experten und Laien, wobei Konzepte wie lokales Wissen, distributed expertise und epistemische Gerechtigkeit im Zentrum stehen (Collins & Evans 2002; Fricker 2007).
Kapitel 5 wendet sich der Frage von Qualität, Validität und neuen Gütesiegeln zu und diskutiert, wie Citizen-Science-Projekte klassische Kriterien wie Objektivität und Reliabilität mit alternativen Indikatoren wie Relevanz, Responsivität und Robustheit kombinieren (Dickinson et al. 2010; Sullivan et al. 2014; Wiggins & He 2016). Kapitel 6 präsentiert Fallanalysen aus unterschiedlichen Domänen – etwa eBird, PatientsLikeMe und Safecast – und rekonstruiert die dort praktizierten epistemischen Konfigurationen und Validierungsstrategien (Sullivan et al. 2014; Wicks et al. 2010; Hultquist et al. 2017). Kapitel 7 diskutiert die gesellschaftlichen und politischen Implikationen von Citizen Science, insbesondere im Hinblick auf Demokratie, Wissenschaftsskepsis und epistemische Selbstbestimmung (Irwin 1995; Oreskes 2019). Kapitel 8 reflektiert kritisch Grenzen und Risiken des epistemologischen Paradigmas „Citizen Science“, etwa die Romantisierung von Laienwissen oder die Reproduktion sozialer Ungleichheiten. Kapitel 9 bündelt schließlich die Argumentation und skizziert eine Forschungsagenda, in der Citizen Science als epistemologisches Projekt innerhalb einer sich wandelnden Wissensordnung weiterzudenken ist.
Dieser Beitrag ist nur für Abonnenten
Registriere dich jetzt, um den Beitrag zu lesen und Zugriff auf die vollständige Bibliothek der Beiträge nur für Abonnenten zu erhalten.
Das deutsche Modell am Limit – Warum Konsens zur Falle wird
⸱
35 Minuten Lesezeit
Willkommen bei KUKA2ME
Wissenschaft im Dialog – unabhängig, zugänglich, DSGVO-konform
🌍 Unsere Mission
kūkākūkā me a'u – hawaiianisch für "diskutieren mit mir". Wir übersetzen wissenschaftliche Erkenntnisse aus Soziologie, Pädagogik, Biologie und Systemtheorie in verständliche Formate für alle.
✨ Das bieten wir
📚 Strukturierte Lerncluster mit Tiefe
🎧 Multimediale Formate: Podcast, Video, Text
🌐 Übersetzung in 9 Sprachen möglich
🔒 EU-Server, vollständig DSGVO-konform
🛡️ Datenschutz & Transparenz
Wir nehmen Ihre Privatsphäre ernst. Diese Seite nutzt technisch notwendige Cookies und verzichtet auf Display-Werbung. Affiliate-Links zu empfohlenen Büchern helfen uns, diese Plattform zu finanzieren.