
Roman
Das Huhn war der Zeuge
Frank Geißler
Das Huhn bleibt Zeuge.
Regine bringt ihre Eltern auf den Hof am Waldrand: den dementen Vater, die bipolare Mutter. Dort wartet schon der Onkel, Metzger, Jäger und Nazi, der Polnisch spricht, wenn er zu viel getrunken hat.
Vier Kranke, ein Jahr, ein Huhn, das immer wieder auf dem Balken sitzt, wenn der Onkel schießt.
Leseprobe
Erster Teil – Frühling · 1 · Der Einzug
Waldemar stand am Zaun. Er trank Bier. Es war halb elf am Vormittag.
Ich hielt vor dem Tor an und ließ den Motor laufen. Auf dem Rücksitz schlief Papa. Mama saß neben ihm und sah aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen. Die Fahrt hatte drei Stunden gedauert. In der ersten Stunde hatte sie geredet, in der zweiten geweint, in der dritten geschwiegen. Im Wagen roch es nach dem Frühstück, das wir nicht gegessen hatten, und nach dem Plastik der Sitzbezüge, die ich für die Fahrt über die Polster gezogen hatte. Jetzt bewegten sich nur ihre Hände in ihrem Schoß, als würde sie eine Handarbeit machen, die es nicht gab.
Waldemar setzte die Flasche ab. Er kam zum Tor, öffnete es, ging aber nicht zum Auto. Das Tor hing schief. Er hob es an, damit es nicht über den Beton schleifte. Er blieb daneben stehen und wartete, dass ich fuhr. Das war seine Art, uns zu empfangen. Er machte den Weg frei und ließ uns durch.
Ich rollte zwei Wagenlängen weiter und stellte den Motor ab. Der Motor tickte. Die Kiefern hinter dem Haus standen still. Der Wald begann fünfzig Meter hinter dem Schuppen und ging bis zur Landstraße, die man von hier nicht sah, aber hörte, wenn ein Lastwagen fuhr. Jetzt fuhr keiner.
Waldemar kam ans Auto.
„Willkommen“, sagte er, als ich ausstieg. Er sagte es wie jemand, der einen Kunden begrüßt. Das war schon zu viel.
„Danke, Onkel.“
Er sah an mir vorbei auf das Auto. Papa hatte die Augen offen und starrte den Handschuhkasten an, als würde er darin etwas erwarten. Mama hielt einen Kartondeckel auf dem Schoß, den sie irgendwann in Mannheim aufgehoben und mitgenommen hatte. Auf dem Deckel standen zwei Nagellackfläschchen und eine Postkarte, die niemand geschickt hatte.
„Sie sind wach“, sagte Waldemar. Es klang nicht wie eine Feststellung. Eher wie eine Vorabverantwortung.
„Papa hat geschlafen“, sagte ich. „Mama nicht.“
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Ich öffnete die hintere Tür auf Papas Seite. Er drehte den Kopf zu mir, langsam, wie ein Uhrwerk, das nicht geölt war.
„Wo sind wir“, sagte er.
„Bei Onkel Waldemar.“
„Ach so.“
Er sah wieder auf den Handschuhkasten. Nach zwei Minuten sagte er noch einmal: „Wo sind wir.“ Ich antwortete. Er sagte: „Ach so.“ Er blieb sitzen, bis ich ihm die Hand auf den Arm legte. Dann stieg er aus, wo ich ihn hinführte. Er war leichter geworden. Ich spürte den Ellenbogen durch die Strickjacke, und er hielt sich an meinem Ärmel fest, nicht an mir.
Mama stieg allein aus, auf der anderen Seite. Sie trug den Kartondeckel wie ein Tablett vor sich her. Sie ging damit zur Haustür. Waldemar öffnete ihr. Er sagte nichts zu ihr, sie sagte nichts zu ihm. Zwischen den beiden lag eine ausgestellte Höflichkeit, wie ein Kissen im Flur, an dem alle vorbeigehen.
Ich holte die Kartons aus dem Kofferraum.
Zwölf Kartons, zwei Reisetaschen, ein Sack mit Bettwäsche, die graue Mappe. Die Mappe legte ich obenauf, damit ich sie im Blick behielt. In ihr lagen die Vollmachten, Papas Verfügung, der Vertrag über den Hof. Ich hatte das Gummiband zweimal herumgelegt, damit nichts herausfiel. Waldemar sah zu, wie ich eins nach dem anderen ins Haus trug. Ich zählte sie im Gehen mit. Er trug nichts. Er lehnte am Türrahmen und trank sein Bier aus, als würde er sich das verdient haben. Seine Fingernägel waren schwarz bis unter das Nagelbett. Er hielt die Flasche am Hals und ließ sie pendeln.
„Wo soll das hin“, sagte er, als ich den fünften Karton absetzte.
„Ins Gästezimmer für Papa. Das nach hinten für Mama.“
„Ich hätte auch zwei nach hinten gemacht.“
„Papa muss ins Bad kommen. Vorne ist näher.“
Er nickte, ohne sich zu bewegen. Er trank aus. Er ging zum Zaun zurück, um sich eine zweite Flasche zu holen. Ich sah das durch die offene Haustür.
Papa saß auf einem der Kartons im Flur. Er hatte sich hingesetzt, wo ich ihn hingestellt hatte. Er hielt seine Hände auf den Knien, sehr ordentlich. Er hatte auch als Kind so gesessen, das hatte Mama mir einmal erzählt, in der ersten Zeit nach der Ankunft. Der Junge, der wusste, dass er still zu sitzen hatte, weil sonst irgendetwas passieren würde. Was, wusste er nicht.
„Wo sind wir“, sagte er zu seinen Knien.
„Bei Onkel Waldemar.“
„Ach so.“
Dann fragte er nicht mehr.
„Papa.“
„Ja, Marlena.“
„Ich bin Regine.“
Er sah mich an. Er lächelte höflich, wie man einen fremden Gast anlächelt, der einem einen Fehler nachgesehen hat.
„Ja“, sagte er.
Das Buch
Das Huhn war der Zeuge
Roman · Frank Geißler
BoD – Books on Demand, 2026
Vier Teile: Frühling, Sommer, Herbst, Winter
ISBN 978-3-6967-8738-7