Green Strategy, Grey Leadership – Wie der Strategy-Culture-Gap Greenwashing in Nachhaltigkeitsstrategien befördert

Strategy-Culture-Gap als zentrale Ursache für Greenwashing. Durch Integration von Scheins Kulturmodell und Argyris' Diskrepanz-Theorie wird gezeigt, wie autoritäre Führung, selektives Reporting und fehlende Governance symbolische ESG-Konformität erzeugen.

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Green Strategy, Grey Leadership – Wie der Strategy-Culture-Gap Greenwashing in Nachhaltigkeitsstrategien befördert
Ambitionierte ESG-Strategien, doch steigende Greenwashing-Strafen: Der Artikel zeigt, wie der Strategy-Culture-Gap, die Diskrepanz zwischen kommunizierten Werten und gelebter Führungskultur, Greenwashing befördert und warum Authentizität systemische Transformation erfordert.
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Kapitel 1: Einleitung – Die ESG-Authentizitätslücke

In den vergangenen Jahren hat sich Nachhaltigkeit von einem Nischenthema zu einem zentralen Bestandteil der Unternehmensstrategie entwickelt. Kaum ein Großunternehmen verzichtet noch auf ambitionierte ESG-Strategien, Net-Zero-Commitments oder umfangreiche Nachhaltigkeitsberichte. Laut Morgan Stanleys ESG-Survey 2025 betrachten 88 Prozent der Unternehmen weltweit Nachhaltigkeit als Wertschöpfungschance – ein Anstieg um drei Prozentpunkte gegenüber 2024 (Asuene, 2025). Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine beunruhigende Spannung: Die Zahl der Unternehmen, die mit Greenwashing-Risiken in Verbindung gebracht werden, mag zwar um 12 Prozent gesunken sein, doch die Zahl der schwerwiegenden Greenwashing-Fälle ist um 30 Prozent gestiegen (Novisto, 2025).

Diese Entwicklung signalisiert einen fundamentalen Widerspruch in der gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdebatte. Während Organisationen nach außen progressive Green-Strategien kommunizieren, dokumentieren Regulierungsbehörden, NGOs und investigative Medien eine wachsende Diskrepanz zwischen kommunizierten Versprechen und tatsächlicher Performance. Die britische Competition and Markets Authority kündigte für Herbst 2025 erstmals eine groß angelegte öffentliche Durchsetzung ihres Green Claims Code an, während HSBC sich aus der Net-Zero Banking Alliance zurückzog – mit explizitem Verweis auf Greenwashing-Risiken in einem geopolitisch volatilen Umfeld (Watson Farley & Williams, 2025). Diese Ereignisse markieren einen Wendepunkt: Die Ära vager, nicht überprüfbarer Nachhaltigkeitskommunikation geht zu Ende.

Doch trotz zunehmender regulatorischer Kontrolle und gestiegener Stakeholder-Aufmerksamkeit bleibt Greenwashing verbreitet. Die italienische Wettbewerbsbehörde verhängte 2024 eine Rekordstrafe gegen den Fast-Fashion-Konzern Shein, weil dessen Nachhaltigkeitsbehauptungen durch tatsächlich steigende Emissionen in den Jahren 2023 und 2024 widerlegt wurden (The Sustainable Agency, 2025). Solche Fälle werfen die Frage auf: Warum gelingt es Organisationen nicht, ihre kommunizierten ESG-Strategien in substanzielle Praktiken zu übersetzen? Warum wird Nachhaltigkeit trotz massiver Investitionen oft zur Kommunikationsoberfläche, statt zur gelebten Realität?

Die vorliegende Analyse argumentiert, dass ein entscheidender Faktor systematisch übersehen wird: der Strategy-Culture-Gap. Damit ist die Diskrepanz zwischen kommunizierter Green-Strategie (espoused values) und gelebter Führungskultur (theory-in-use) gemeint. Edgar Scheins Modell organisationaler Kultur unterscheidet drei Ebenen: sichtbare Artefakte (Nachhaltigkeitsberichte, Zertifikate), explizit kommunizierte Werte (progressive ESG-Mission-Statements) und zugrundeliegende Annahmen (implizite Überzeugungen darüber, was wirklich zählt) (Schein, 1985; Think Insights, 2022; Culture Partners, 2024). Greenwashing entsteht, wenn diese Ebenen nicht kongruent sind – wenn Organisationen auf der Ebene der Artefakte und kommunizierten Werte Nachhaltigkeit betonen, während ihre grundlegenden Annahmen und tatsächlichen Praktiken weiterhin von kurzfristigen Finanzkennzahlen, shareholder-zentrierten Logiken und produktivistischen Imperativen dominiert werden.

Diese Diskrepanz wird durch Chris Argyris' Unterscheidung zwischen espoused theory (was Organisationen sagen, dass sie tun) und theory-in-use (was sie tatsächlich tun) konzeptualisiert (Argyris & Schön, 1974). Wenn eine Organisation verkündet, dass Nachhaltigkeit eine strategische Priorität ist, jedoch Ressourcenallokation, Leistungskennzahlen, Beförderungskriterien und tägliche Managemententscheidungen signalisieren, dass kurzfristige Profitabilität und Shareholder Value dominieren, entsteht ein Authentizitätsgap. Mitarbeitende, Kund:innen und Investor:innen nehmen diese Inkonsistenz wahr – oft intuitiv –, was Vertrauen untergräbt und Zynismus fördert.

Empirische Befunde stützen diese These. Forschung zu ethischer Führung und Greenwashing zeigt, dass autoritär-orientierte Führungsstile – charakterisiert durch Machtzentralisierung, Top-Down-Kommunikation und geringe Fehlertoleranz – die Greenwashing-Neigung signifikant erhöhen, während ethische Führung, die durch Transparenz, Wertekonsistenz und partizipative Entscheidungsprozesse gekennzeichnet ist, Greenwashing reduziert (Blome et al., 2017). Entscheidend ist jedoch, dass ethische Führung nur dann wirksam ist, wenn sie durch entsprechende HR-Systeme und Anreizstrukturen unterstützt wird. Ohne diese strukturelle Verankerung bleibt auch gut gemeinte ethische Führung symbolisch.

Die strategische Bedeutung dieser Authentizitätslücke wird durch neuere Forschung zu authentischem Leadership unterstrichen. Organisationen, deren Führung authentisch – das heißt transparent, integer und ihren Werten verpflichtet – agiert, bauen Vertrauen und Glaubwürdigkeit auf, die für substanziellen Wandel unerlässlich sind (Triple Goal, 2024; ESG Sustainability Directory, 2025). Konversely, Führungskräfte, die Nachhaltigkeit kommunizieren, aber umweltschädigende Praktiken dulden oder fördern, untergraben ihre eigene Botschaft und erodieren Vertrauen. Diese Inkonsistenz erzeugt eine Kluft zwischen Wort und Tat, die realen Fortschritt verhindert.

Die regulatorische Landschaft verschärft den Druck. Die EU-Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verlangt detaillierte, standardisierte ESG-Offenlegungen und könnte entweder Transparenz fördern oder – unbeabsichtigt – weiteres Greenwashing anregen, wenn Unternehmen versuchen, den neuen Standards formal zu entsprechen, ohne substanzielle Praktiken zu ändern (Watson Farley & Williams, 2025). Die Konvergenz von regulatorischer Kontrolle, Investorenaktivismus und Consumer-Awareness bedeutet, dass Greenwashing-Vorwürfe zunehmen werden – nicht nur im Bankensektor, sondern sektorübergreifend.

Der vorliegende Artikel nimmt diese Spannungen zum Ausgangspunkt und verfolgt drei Ziele. Erstens wird der Strategy-Culture-Gap theoretisch als zentrale Ursache für Greenwashing rekonstruiert, indem Scheins Kulturmodell mit Argyris' Konzept der Diskrepanz zwischen espoused theory und theory-in-use verbunden wird. Zweitens werden empirische Befunde zu Führungsstilen, organisationaler Kultur und ESG-Performance herangezogen, um zu zeigen, wie autoritäre Führungslogiken und kulturelle Inkonsistenzen Greenwashing befeuern. Drittens werden Implikationen für Leadership-Entwicklung, Change Management und Governance-Strukturen entwickelt, die authentische Nachhaltigkeitstransformation ermöglichen.

Die leitende Forschungsfrage lautet: Wie trägt der Strategy-Culture-Gap – die Diskrepanz zwischen kommunizierter Green-Strategie und gelebter Führungskultur – dazu bei, Greenwashing zu produzieren, und unter welchen Bedingungen kann kulturelle Kongruenz hergestellt werden, die substanzielle ESG-Praktiken fördert? Ergänzend werden folgende Unterfragen verfolgt: Welche Führungsstile und kulturellen Mechanismen legitimieren symbolische ESG-Kommunikation? Wie manifestiert sich der Strategy-Culture-Gap in organisationalen Praktiken? Welche Rolle spielen psychologische Sicherheit, Transparenz und Partizipation bei der Reduktion dieser Authentizitätslücke?

Diese Fragen strukturieren die folgenden Kapitel. Zunächst wird der empirische Hintergrund dargestellt – Greenwashing-Trends, regulatorische Entwicklungen und die Rolle von Führung. Anschließend werden theoretische Rahmen entwickelt, die den Strategy-Culture-Gap konzeptualisieren. Darauf aufbauend werden Mechanismen und Manifestationen dieses Gaps analysiert und schließlich Implikationen für Organisationen und zukünftige Forschung diskutiert.

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