Vertrauen wagen: Citizen Science im Schatten der Wissenschaftsskepsis
Wenn Menschen sagen „Ich traue der Wissenschaft nicht mehr“, meinen sie oft nicht Formeln und Fakten, sondern Institutionen, Interessen und Erfahrungen. Citizen Science setzt genau hier an: Sie holt Bürgerinnen aus der Rolle der Zuschauenden in die Rolle der Mitforschenden.
Der Beitrag untersucht, inwiefern Citizen Science einen Beitrag zur Bewältigung der viel diskutierten Vertrauenskrise der Wissenschaft leisten kann. Ausgehend von der Beobachtung, dass Vertrauen in Wissenschaft global zwar hoch, zugleich aber stark polarisiert ist, wird argumentiert, dass die Rede von einer einheitlichen Vertrauenskrise analytisch unzureichend ist. Stattdessen werden strukturelle, kommunikative und gesellschaftliche Faktoren differenziert, die zu divergierenden Vertrauensdynamiken beitragen – von institutioneller Abschottung und Interessenkonflikten über mediale Fragmentierung bis hin zu populistischem Anti-Elitarismus. Auf Basis epistemologischer und soziologischer Vertrauenskonzepte wird gezeigt, dass „Vertrauen in Wissenschaft“ mehr umfasst als Zustimmung zu Aussagen: Es beruht auf Wahrnehmungen von Kompetenz, Integrität, Benevolenz und Offenheit sowie auf einem Zusammenspiel interpersonaler und institutioneller Beziehungen. Citizen Science wird als „Vertrauensarchitektur“ interpretiert, in der durch Einblick in Forschungsprozesse, geteilte Praxis, Reziprozität und Wissenspluralität neue Formen von Vertrauensbeziehungen aufgebaut werden können. Empirische Studien deuten auf vertrauensstärkende Effekte unter bestimmten Bedingungen hin, zeigen aber zugleich ambivalente und negative Dynamiken, etwa wenn Beteiligung folgenlos bleibt oder institutionelle Defizite sichtbar werden. Der Beitrag schließt mit einer Forschungs- und Handlungsperspektive, die Citizen Science nicht als Trust-Reparaturinstrument, sondern als Labor für gerechtere, transparentere und demokratischere Wissensordnungen versteht.
1. Einleitung: Die Vertrauenskrise der Wissenschaft
In vielen öffentlichen Debatten scheint sich die Diagnose einer Vertrauenskrise der Wissenschaft verfestigt zu haben: Impfgegner, Klimawandelleugner, „alternative Fakten“ und Verschwörungserzählungen werden als Symptome eines tiefgreifenden Bruchs zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gedeutet. Gleichzeitig zeigen groß angelegte Umfragen, dass Wissenschaft und Wissenschaftlerinnen in vielen Ländern nach wie vor zu den am meisten vertrauenswürdigen Institutionen gehören (Cologna et al. 2025). Dieses Spannungsverhältnis – hohe durchschnittliche Vertrauenswerte bei zugleich sichtbarer, teils lautstarker Wissenschaftsskepsis – markiert die Ausgangslage, in der die Frage nach der Rolle von Citizen Science als möglicher Antwort auf Vertrauensprobleme gestellt werden muss.
Der Beitrag geht von der These aus, dass die Rede von einer „Vertrauenskrise der Wissenschaft“ häufig analytisch unpräzise ist und unterschiedliche Phänomene über einen Kamm schert: allgemeine Institutionenskepsis, politisch motivierte Wissenschaftsablehnung, berechtigte Kritik an Interessenkonflikten, kommunikative Fehlleistungen und strukturelle Exklusion gesellschaftlicher Gruppen (Oreskes 2019; Renn 2018). Statt von einem einheitlichen Vertrauensverlust auszugehen, erscheint es sinnvoller, von einer Krise der Beziehungen zwischen Wissenschaft und verschiedenen Öffentlichkeiten zu sprechen. Vertrauen ist dann weniger eine stabile Ressource, die „vorhanden“ oder „verloren“ ist, sondern ein relationales, kontextabhängiges und verletzliches Geflecht.
Vor diesem Hintergrund formuliert der Artikel die zentrale Forschungsfrage: Inwiefern kann Citizen Science als institutionelle und praktische Innovation dazu beitragen, Vertrauensbeziehungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu transformieren – nicht primär durch bessere Kommunikation, sondern durch strukturelle Partizipation? Die leitende These lautet, dass Vertrauen in Wissenschaft nicht nachhaltig durch Informationskampagnen im Sinne des Defizitmodells gestärkt werden kann, sondern durch geteilte Praxis, geteilte Verantwortung und geteilte Deutungshoheit (Irwin 1995; Bonney et al. 2016). Citizen Science wird als eine Form solcher geteilten Praxis untersucht, in der Bürgerinnen unmittelbaren Einblick in Forschungsprozesse erhalten, aktiv an der Wissensproduktion mitwirken und damit neue Formen von Transparenz, Reziprozität und Co-Ownership entstehen.
Daraus ergeben sich mehrere Leitfragen. Erstens: Welche strukturellen, kommunikativen und gesellschaftlichen Faktoren tragen zur Wahrnehmung einer Vertrauenskrise bei, und wie sind diese mit etablierten Modellen der Wissenschaftskommunikation – insbesondere dem Defizit- und dem Dialogmodell – verknüpft (Bauer et al. 2007; Metcalfe 2020)? Zweitens: Über welche Mechanismen kann Citizen Science Vertrauen in Wissenschaft beeinflussen – etwa durch Transparenz, durch erlebte Kooperation, durch Reziprozität oder durch Anerkennung von Laienwissen – und wo liegen dabei Grenzen und Risiken (Hendriks et al. 2025; Jaeger et al. 2023)? Drittens: Welche paradoxen Effekte können auftreten, wenn die Öffnung von Wissenschaft neue Konflikte, Polarisierungen oder Enttäuschungen erzeugt?
Die Relevanz dieser Fragen ist sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich. Wissenschaftstheoretisch zwingt die Diskussion dazu, Vertrauensbegriffe zu präzisieren und als mehrdimensionale Phänomene zu fassen, die kognitive, affektive und normative Komponenten umfassen (Hardwig 1991; Cologna et al. 2025). Sozialwissenschaftlich knüpft sie an Debatten um populistische Wissenschaftskritik, Informationsökologien und die Rolle intermediärer Institutionen an (Renn 2018; Oreskes 2019). Praktisch stellt sich die Frage, wie Wissenschaftsorganisationen, Förderinstitutionen und Politikerminnen Partizipation, Transparenz und Verantwortung so gestalten können, dass Vertrauensbeziehungen nicht nur rhetorisch beschworen, sondern institutionell und prozessual gesichert werden.
Die Struktur des Artikels ist entsprechend aufgebaut. Kapitel 2 entfaltet eine Diagnose der Vertrauenskrise, indem es strukturelle, kommunikative und gesellschaftliche Ursachen differenziert und in Beziehung zu gängigen Modellen der Wissenschaftskommunikation setzt. Kapitel 3 klärt den Begriff des Vertrauens in Wissenschaft und unterscheidet zwischen kognitiven, institutionellen und praktischen Dimensionen. Kapitel 4 interpretiert Citizen Science als „Vertrauensarchitektur“, in der spezifische Mechanismen der Vertrauensbildung – Transparenz durch Einblick, Nachvollziehbarkeit durch Teilhabe, Vertrauen durch geteilte Praxis – institutionalisiert werden können. Kapitel 5 analysiert empirische Befunde zur Wirkung von Citizen Science auf Vertrauen, wobei sowohl positive Effekte als auch ambivalente und negative Dynamiken in den Blick genommen werden.
Kapitel 6 diskutiert Grenzen und Paradoxien: Situationen, in denen Öffnung zu Überforderung oder Polarisierung führt, in denen partizipative Projekte Erwartungen wecken, die institutionell nicht eingelöst werden können, oder in denen Citizen Science selbst zum Gegenstand von Misstrauen wird. Kapitel 7 übersetzt die Befunde in Implikationen für verschiedene Akteursgruppen – Wissenschaftseinrichtungen, Förderorganisationen, Politik, zivilgesellschaftliche Akteure –, ohne diese normativ zu überfrachten. Kapitel 8 entwickelt eine Forschungsagenda, die theoretische, empirische und designorientierte Arbeiten skizziert, die für ein vertieftes Verständnis von Citizen Science in Vertrauenskonstellationen erforderlich sind. Kapitel 9 schließlich bündelt die Argumentation und konturiert Citizen Science als eine von mehreren möglichen Antworten auf die Vertrauensprobleme moderner Wissensgesellschaften – nicht als Allheilmittel, sondern als Laboratorium für neue Formen geteilten Wissens und geteilter Verantwortung.
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